Bereits seit neun Jahren führen wir an unserer Schule Projekte zum Globalen Lernen durch. In einer Tibet-AG vermittelte eine OGS-Mitarbeiterin, die ein Jahr in Tibet verbracht hatte, sehr anschaulich das Leben in dieser fremden Kultur. Die außerunterrichtliche Lernform verlangte von Beginn an, die Bedürfnisse der Lernenden in den Vordergrund zu stellen, dabei war es uns immer wichtig, neben der Faszination für das Fremde die Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. In der AG erfuhren die Kinder vieles über den Lebensalltag von Nomadenkindern in Tibet. Selbstständig entwickelten sie die Idee, einen Spendenlauf für Tibet zu organisieren. 4.000 € wurden gesammelt und davon eine ganze Schule in Tibet gebaut. Die Kinder waren überwältigt vom Erfolg ihrer Aktion und konnten schon früh lernen, dass sie selbst einen effektiven Beitrag zur Entwicklungsförderung leisten können. Das Interesse am globalen Lernen stieg und die Beschäftigung damit wurde von den Kindern immer stärker eingefordert. 2010 wurde deshalb im Rahmen der Schulkonferenz beschlossen, das Globale Lernen als Schwerpunktthema der Schule festzusetzen. Außerdem wurden das „Tibetprojekt“ als Schulprojekt und die Grundschule in Tibet als Partnerschule etabliert.

Zunächst mussten einige wenige OGS-Kräfte zusammen mit der Schulleitung für die stärkere Gewichtung des Themas im Unterricht und auch am Nachmittag kämpfen. Die Schulleitung erklärte sich bereit, den von ihr durchgeführten Religionsunterricht dem Globalen Lernen zu widmen. Zudem fanden nachmittags Tibet-AGs statt. Darüber hinaus sammelten die Kinder Spenden für „ihr Projekt“ in Tibet. Sie bastelten und backten zu Hause, um die so entstandenen Produkte am Nachmittag in der Nachbarschaft der Schule zu verkaufen. OGS- und Lehrkräfte waren überwältigt von dem großen Engagement der Kinder, hatten jedoch auch das Gefühl, die Aktionen gemeinsam mit den Kindern in einen anderen Rahmen lenken zu müssen – das Spendensammeln nahm überhand! So wurde mit besonders aktiven Kindern überlegt, einen Frühlingsbasar, sowie ein Weihnachtsfest zu organisieren, um dort Gebackenes und Gebasteltes zu verkaufen. Zeitgleich entwickelten sich die Kinder immer mehr zu kleinen Tibet-ExpertInnen. Sie waren neugierig, Neues über das Leben der Kinder in Tibet zu erfahren. Dazu dienten ihnen nicht nur die Tibet-AGs, sondern ebenso der direkte Kontakt zu Kindern in Tibet. Briefe, Postkarten und kleine Geschenke wurden von Köln nach Tibet und von Tibet nach Köln geschickt. Für ihr überaus großes Engagement für andere Kinder wurden die Schülerinnen und Schüler im Herbst 2010 mit dem ersten Preis des Kinderwelten-Awards ausgezeichnet. Viele Eltern, LehrerInnen und AnwohnerInnen kamen zur großen Preisverleihung und waren begeistert von dem, was ihre Kinder geschafft hatten und der großen Anerkennung, die sie dafür erhielten.

Ein weiterer Höhepunkt für die Kinder war der Besuch von Namka, dem Projektleiter in Tibet, 2010. Drei Monate lang führte er AGs mit den Kindern in der Paul-Klee-Grundschule durch. Bald schon erfuhr das benachbarte Albertus-Magnus-Gymnasium von dem großen Engagement der GrundschülerInnen und forderte ein ähnliches Projekt ein. Das Tibetprojekt wurde auch dort zum Schulprojekt gewählt. Seitdem organisieren beide Schulen gemeinsame Aktionen und lernen voneinander. Die Großen besuchen die Kleinen, um mit ihnen Tibet-Unterrichtseinheiten durchzuführen. GrundschülerInnen, die auf das Gymnasium wechseln, können in der dortigen AG weiter über Tibet lernen.

Angespornt durch die große Begeisterung der Kinder für das Thema Tibet wurden mit der Zeit immer mehr Lehrkräfte auf den Themenbereich „Globales Lernen“ aufmerksam. Endlich wurde das Thema fester Bestandteil in der Schule:

  • Eine Übungszeit (Hausaufgabenstunde) wurde in eine Projektzeit umgewandelt, in der sich die Kinder einmal wöchentlich mit globalen und sozialen Themen beschäftigen. In der ersten Klasse lernen die Kinder die Herkunftsländer ihrer KlassenkameradInnen kennen, in der zweiten und dritten Klasse beschäftigen sie sich mit fairem Handel und nachhaltigem Konsum, in der vierten Klasse sind die Kinderrechte Thema. Dazu werden beispielsweise die Materialien aus dem Welthaus Bielefeld genutzt (Schoko-Taschen, Klimatasche…).
  • Tibet-AGs: Die AGs finden seit neun Jahren wöchentlich statt. Derzeit werden drei verschiedene AGs für unterschiedliche Altersgruppen, bzw. mit verschiedenen Zielsetzungen angeboten. In den AGs lernen die Kinder die Lebenswelt der TibeterInnen ganz praktisch kennen, indem sie Geschichten über Tibet hören und Fotos ansehen, tibetisches Essen kochen, landestypische Kleidung anprobieren oder tibetische Tänze einstudieren. Sie erfahren von den Schwierigkeiten, denen die Nomaden in Tibet oft ausgesetzt sind und den großen gesellschaftlichen Veränderungen in China und Tibet. Zudem widmen sich die Kinder besonderen Aktivitäten. Derzeit drehen sie einen Film über den Nomadenalltag.
  • Tibet-Tag: Einmal jährlich findet an der Schule der Tibettag statt, an dem sich die ganze Schule einen Tag lang mit dem Thema beschäftigt. Vormittags werden Unterrichtseinheiten gemeinsam von LehrerInnen und OGS-MitarbeiterInnen durchgeführt, zum Beispiel zu den Themen Lebenswelten der Kinder, Schule in Tibet, Ernährung, Tier – und Pflanzenwelt. In den unteren Klassen helfen die älteren SchülerInnen mit, Kinder die bereits seit längerem in den AGs aktiv sind, dürfen hier die Rolle der Lehrerin/des Lehrers übernehmen.

Nachmittags sind die Eltern eingeladen, sich über das Schulprojekt zu informieren (Fotovortrag, Workshops, gemeinsames Kochen). Zusätzlich finden weitere Aktionen für die Kinder statt.

  • Bildungstasche zum Thema “Komm mit nach Tibet”: Gefördert von der Stiftung für Umwelt und Entwicklung NRW haben TeilnehmerInnen der Tibet-AGs in den Jahren 2014/2015 eine Bildungstasche für Grundschulkinder erstellt. Die Kinder haben beispielsweise eine Rezeptheft und ein 50-Fragen-Spiel erstellt, sowie ein Hörspiel zum Lebensalltag der Kinder in Tibet und zum Thema Schule in Tibet aufgenommen. An der Erarbeitung des begleitenden Arbeitsheftes waren sie maßgeblich beteiligt und haben ihre eigenen Themen und Erfahrungen eingebracht.
  • Spendenaktionen – Spendenlauf, Frühlingsfest, Weihnachtsfest: Um die Partnerschule und weitere Projekte für Kinder und Jugendliche in Tibet zu unterstützen, führen die Kinder regelmäßig Spendenaktionen durch. Einmal jährlich findet der Spendenlauf statt, die Hälfte des Erlöses geht nach Tibet. Zudem organisieren die Tibet-AGs gemeinsam mit Vereinsmitgliedern der Nomadenhilfe e.V. in jedem Jahr ein Frühlingsfest und einen Weihnachtsbasar. Dort verkaufen sie Selbstgebasteltes und –gebackenes, führen gemeinsam mit den OGS-MitarbeiterInnen Tibet-Workshops für Kinder und Erwachsene durch, basteln mit den anderen Kindern, führen Theaterstücke auf und vieles mehr.
  • Projektwochen: Gerne nutzen wir in der Schule die Ferienzeit um bestimmte Themen intensiv mit den Kindern zu bearbeiten. In den letzten Jahren haben wir zahlreiche Ferienprogramme zu verschiedenen globalen Themen durchgeführt, wie etwa Kinder in aller Welt, Feste in aller Welt, Klima, Fairer Handel und so weiter. Dabei gehören Aktivitäten, an denen auch die Eltern teilnehmen und die Kinder als ExpertInnen auftreten können, fest zum Programm, wie etwa der alljährliche Faire Frühlingsbrunch.

In den letzten Ferien haben wir uns mit dem Thema „Gutes Leben/Nachhaltiger Konsum“ beschäftigt. Folgende Workshops wurden durchgeführt: 1. Gutes Leben/Was bedeutet Glück?, 2. Lebensalltag in Bhutan/Bruttonationalglück, SDGs 3. Nachhaltiger Konsum und Klimawandel, 4. Wir kochen eine „nachhaltige Kürbissuppe“, 5. Obst/Gemüse-Saisonkalender, 6. Überfischung am Beispiel des Wanderfisches, 7. Fairer Handel am Beispiel Tee und 8. Upcycling. Die Kinder konnten sich den Gruppen selbstständig zuordnen und haben die Woche über an ihrem Thema gearbeitet. Ausflüge, zum Beispiel zu den Geschäften „Unverpackt“ und „The good food“, zum Biomarkt oder eine faire Stadtteilführung haben das Programm ergänzt.  Am letzten Schultag wurden die Ergebnisse allen Kindern und interessierten Eltern präsentiert. Im Anschluss an die Ferienwoche konnten weitere SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern die Ergebnisse im Foyer der Schule bestaunen. Methodisch sind die Ferienprogramme im ganz besonderen Maße auf selbstbestimmtes handlungsorientiertes Lernen ausgerichtet.

  • Otto trifft Herkules: Als 2014/15 in der Nachbarschaft der Schule eine Flüchtlingsunterkunft eingerichtet wurde, war für uns sehr schnell klar, dass wir uns auch hier engagieren. Über Monate bekamen die Kinder mit Fluchterfahrung zunächst keinen Schulplatz zugeordnet, so dass wir sie einmal wöchentlich in die Schule einluden, um gemeinsam mit unseren Kindern an einem vielfältigen AG-Programm (zunächst gefördert durch Mittel des Bistums Köln) teilzunehmen. Seit drei Jahren ist das Projekt Otto trifft Herkules fester Bestandteil des Schulprogramms. Mittlerweile gibt es an unserer Schule eine Vorbereitungsklasse und neuangekommene Kinder bekommen sehr schnell einen Schul- und einen OGS-Platz. Die guten Kontakte, die wir zu Beginn des Projektes zu den SozialarbeiterInnen der Flüchtlingsunterkunft aufbauten, helfen immer wieder, auftretende Fragen und Probleme schnell zu lösen. Nach wie vor besuchen Kinder der Flüchtlingsunterkunft (Herkulesstraße) begleitet von SozialarbeiterInnen die Paul-Klee-Schule (Ottostraße), um zusammen mit den SchülerInnen an AGs teilzunehmen. Gemeinsame Auftritte der Band-AG sowie der Tanz-AG bei Schulfesten fanden großen Applaus.
  • Begleitend finden jährlich Bildungsveranstaltungen zum Thema Flucht und Migration in allen Klassen statt, gemeinsam durchgeführt von LehrerInnen und OGS-MitarbeiterInnen. Die Mädchen und Jungen lernen, sich in Kinder mit Fluchterfahrungen hinein zu versetzen und Fluchtursachen zu erkennen.

 

Ein besonderer Fokus liegt immer auf der Partizipation der Schülerinnen und Schüler bei der Gestaltung und Durchführung von Aktivitäten. Insbesondere die TeilnehmerInnen der Tibet-AGs werden immer wieder als ExpertInnen herangezogen: Auf Schulfesten oder dem Tibettag führen sie Workshops für LehrerInnen und Eltern durch, die sie selbst konzipieren. Zudem begleiten ältere SchülerInnen die LehrerInnen und OGS-Kräfte in die unteren Klassen, um ihr Wissen dort an die „Kleinen“ weiterzugeben. Die Kinder sind bereits auf öffentlichen Veranstaltungen aufgetreten, zum Beispiel haben sie den Tibet-Stand der Schule auf dem Himalayatag in Köln 2014 betreut oder gemeinsam mit BetreuerInnen Vorträge gehalten.

An der Paul-Klee-Schule lernen nicht nur die Kinder, sondern auch wir Lehr- und pädagogischen Fachkräfte haben bei der Vorbereitung und Durchführung der Projekte viel Wissen erworben und ein starkes Bewusstsein für globale Themen gewonnen. Beispielsweise haben zur Vorbereitung der Ferienwoche zum Thema Gutes Leben/Nachhaltiger Konsum alle OGS-MitarbeiterInnen an einer Fairen Stadtteilführung teilgenommen und es wurden einführende Veranstaltungen zum Thema durchgeführt.

Bei sämtlichen Aktivitäten im Bereich des Globalen Lernens an der Paul-Klee-Grundschule setzen sich die SchülerInnen mit dem Leben in verschiedenen Kulturen, unter unterschiedlichen Voraussetzungen und mit verschiedenen Normen und Werten auseinander. Dabei erarbeiten sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Dadurch wird ein Perspektivenwechsel ermöglicht.

Neben dem Kennenlernen der tibetischen Lebenswelt liegt ein Fokus auf der Auseinandersetzung mit Gründen für Schwierigkeiten, mit denen die Länder des Südens häufig zu kämpfen haben. Dabei ist es der Schule ein großes Anliegen, den Schülerinnen und Schülern ein gegenseitiges Kennenlernen fernab von Klischees und Stereotypen zu ermöglichen.

Durch den regelmäßigen Informationsaustausch, nicht nur von OGS-MitarbeiterInnen, LehrerInnen und Vereinsmitgliedern bereitgestellt, sondern ebenso durch Besucher aus Tibet oder den Brief-Austausch mit Kindern der Partnerschule, können die SchülerInnen auf ganz natürliche Weise und auf gleicher Augenhöhe, basierend auf den individuellen Erfahrungen aller Beteiligten, Neues erfahren, nachfragen, erforschen und Gemeinsamkeiten entdecken.

Für ihr großes Engagement bei gleichzeitiger Auseinandersetzung mit globalen Themen wurden die Schülerinnen und Schüler 2017 erneut ausgezeichnet. Sie gewannen den deutschlandweit ausgeschriebenen Jugend Hilft Wettbewerb. Als eines von acht Projekten durften VertreterInnen der Tibet-AG nach Berlin reisen, um ihren Preis in Empfang zu nehmen. Für die Kinder war der Preis eine wunderschöne Auszeichnung und auch Eltern, Lehrkräfte und OGS-MitarbeiterInnen wurden wieder einmal daran erinnert, wie wichtig und annerkennungswürdig das Kennenlernen von verschiedenen Lebenswelten, sowie der Respekt und Einsatz für andere Menschen aus verschiedensten Teilen der Welt  ist.